Winterschwimmen am Ende der Welt
Von Yvonne Stutz, Vorstandsmitglied und Host
«Je später am Tag umso besser das Wetter. Zuletzt waren alle wunderschön weiss verschneiten Berge wolkenlos zu sehen. Ein Traum!»
So steht es in meinem Tagebuch, das ich während meinem Aufenthalt in Argentinien im August 2026 geschrieben habe. Ich bin dem Hitzesommer entflohen und nach El Calafate in der Provinz Santa Cruz gereist, um dort am Winter Swimming World Cup (WSWC) teilzunehmen. Ein Wettkampf im Eisschwimmen (Wassertemperatur <5°C), der zum vierten Mal im Nationalpark Los Glaciares mit Blick auf den Perito Moreno Gletscher organisiert wurde. Davon gehört hatte ich zum ersten Mal, als die 1. Edition gerade beendet war.
Eigentlich gilt hier Schwimmverbot.
Da ich den Perito Moreno vor zehn Jahren auf einer Reise bereits als «normale» Touristin kennen und lieben gelernt hatte, wollte ich unbedingt auch einmal dort schwimmen. Doch wie konnte ich das überhaupt für möglich halten? Ich bin Yvonne, und wenn ich einladendes Wasser sehe, ist mir die Temperatur mittlerweile egal. Seit ich mich langsam an immer kältere Wassertemperaturen herangetastet, verschiedene Techniken zum wieder Aufwärmen kennengelernt und einige Veranstaltungen zum Thema besucht habe, lasse ich mich von nichts mehr aufhalten. Darum war mein Wunsch, zum WSWC El Calafate 2026 zu gehen, nur noch für die mir weniger nahestehenden Leute nicht nachvollziehbar. Klar, dieses Hobby ist aussergewöhnlich, aber mein Leben hat sich dadurch sehr bereichert und die Erfahrungen, die ich in Argentinien gemacht habe, zählen dazu. Und so stand ich also da, an diesem kalten Morgen des 4. August und konnte mich weder am Lago Argentino noch am Gletscher satt sehen. Und ich war ja gar nicht hier, um die Landschaft zu bestaunen, sondern zum Schwimmen. Ich war schon sehr glücklich, noch bevor die Glückshormone vom kalten Wasser ausgelöst wurden.
Die Akklimatisation
Schweizer Nationalfeiertag am Lago Argentino.
Die Tage zuvor hatte ich an der Küste in Comodoro Rivadavia verbracht, wo ich im 6° kalten Atlantik vor den Molen-Felsen, die das Zuhause für Seelöwen sind, geschwommen bin und nachts in der dunklen Bucht unter dem Licht des Vollmonds eine zweite Runde drehte. Adriana, eine Winterschwimmerin, die ich bei einem anderen Wettkampf kennengelernt hatte, hat mich beherbergt und extra für mich einen Vortragabend im Club Náutico sowie Ausflüge zu menschenleeren Stränden inklusive Walsichtung organisiert. So konnte ich mich bereits vor dem WSWC mit weiteren Sportlerinnen und Sportlern befreunden und tief in die argentinische Winterschwimmszene eintauchen. Meine Spanischkenntnisse waren sehr nützlich und mit der Kultur des Landes war ich auch schon ein wenig vertraut. Ich fühlte mich bereits bei meinen früheren Besuchen immer sehr wohl in Patagonien, die überwältigende Weite, das raue Wetter und die Einfachheit des Lebens geniesse ich sehr. So auch bei der intensiveren Akklimatisation in El Calafate: Viele Leute waren schon ein paar Tage früher angereist. Wir trafen uns jeden Tag am Ufer des Sees, trotzten dem Wetter und hatten viel Spass beim Schwimmen im beinahe null Grad kalten Wasser. Es gab aussergewöhnlichen Schneefall in Patagonien diesen Winter, und so lag die Stadt unter einer dicken weissen Decke (die sich über die kommenden Tage in Pflotsch verwandelt hat, bevor es erneut schneite). Ich schickte Fotos nach Hause und meinte, es würde nur noch die Weihnachtsbeleuchtung fehlen.
Der Wettkampf
Nach dem ersten Wettkampf vor herrlicher Kulisse.
Alles findet draussen statt.
Sonne im Gesicht und Wärme im Herzen.
Nach dem 25 m Brustschwimmen.
Das Wasser beim Gletscher fliesst zwar in den gleichen See, ist üblicherweise aber 1-2 Grad wärmer als beim steinigen Strand der Stadt. Wie viele Grad dieses Jahr gemessen wurden, wurde nie kommuniziert. Steht man erst einmal vor der Leiter, macht man seinen Start nicht mehr von der Wassertemperatur abhängig. Was zählt, sind das persönliche Befinden, der Gesundheitszustand und das Startkommando. Dieses beginnt mit dem Aufruf, sich der Kleidung zu entledigen. Die meisten tragen nur Badelatschen und über dem Badekleid einen Mantel mit wasserabweisender Aussenschicht und kuschligem Innenfutter. Badekappe, Ohrstöpsel und Schwimmbrille gehören zur Ausrüstung, die man im Wasser tragen darf. Jegliche Kleidung aus Neopren ist verboten. Erfolgt das zweite Kommando, steigt man ins Wasser und beim dritten und letzten Kommando nimmt man die Startposition ein. Beim Startsignalton geht es los: Mein erster Wettkampf war über 100 Meter Freestyle. Da ich noch nicht sehr lange kraule, hatte ich keine Erwartungen, aber die vier Längen im schwimmenden Becken liefen dennoch viel schlechter als gedacht. Ich war einfach hin und weg von der schönen Natur! Ich bin aus dem Wasser gestiegen und hätte noch ewig meinen Blick über die Bahn hin zum Gletscher und den darüber liegenden Berge schweifen lassen können. Aber der Zeitplan ist straff, man muss der nächsten Gruppe den Platz überlassen und so habe ich mich in eine der kleinen Saunas am Seeufer gequetscht. Auch hier musste man schnell Platz machen, zum Glück habe ich keine Schwierigkeiten, mich mit nur wenig Wärme von aussen wieder aufzuwärmen. Und überhaupt, Kälte verspürte ich kaum. Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, wie viel mein Körper aushalten kann. Noch gleichentags ging es weiter mit Brustschwimmen über 200 Meter. Mein Kopf war jetzt mehr bereit, am Wettkampf teilzunehmen. Dennoch habe ich bei jedem Luftholen zu mir selber gesagt, wie schön es hier sei und bei der Gleitphase unter Wasser mich erinnert, dass ich ja doch schnell schwimmen sollte. Ich war inzwischen so ins Leben vor Ort eingetaucht – wortwörtlich – dass ich auch zu mir selber auf Spanisch sprach. Oh, qué lindo! Apúrate! Waren also die Worte, die mich während des 200m Wettkampfs in Gedanken begleitet haben. Der Rangliste schenkte ich keine Beachtung, auch darum nicht, weil mein Internetempfang da am Ende der Welt sehr schwach war und ich es bevorzuge, die vielen sozialen Kontakte zu pflegen, als auf den Bildschirm zu starren. Dennoch sah ich die Whatsappnachrichten noch im Nationalpark, die mir von meinen Freunden zu Hause geschickt wurden: Du wurdest Dritte, stand da. Ich glaubte ihnen kein Wort und war fest überzeugt, sie hätten einfach falsch geschaut oder das Startsystem mit den «Heat» nicht verstanden. Später erreichte mich die gleiche Nachricht aus dem Kreis der argentinischen Winterschwimmerinnen, meiner direkten Konkurrenz. Ach was, die waren alle viel besser als ich! Die Tage im Nationalpark endeten jeweils, wie sie begannen, mit einer zweistündigen Busfahrt zurück zur Stadt, wo wir in verschiedenen Unterkünften logierten, uns abends noch zum Socializing oder Essen trafen und nicht zuletzt, um uns im warmen Bett auf den nächsten Tag zu freuen. Ich startete in beiden Kategorien, Brustschwimmen und Freestyle (das bedeutet im Winterschwimmen effektiv, dass man den Schwimmstil frei wählen kann aber überwiegend wird gekrault) über weitere Distanzen zwischen 25 und 200 Metern und bestritt mein bisher längstes Schwimmen im offenen kalten Wasser: Wir konnten mit einem grossen Boot, das normalerweise Touristen zum Gletscher fährt, in den See der dreifachen Grösse des Bodensees hinausfahren und von dort zum 300 Meter Rennen starten. Dazu mussten wir uns in kleinen Gruppen aus dem Boot auf eine schwimmende Plattform begeben, uns hinsetzen, um erst die Füsse ins Wasser zu baumeln und dann ins kalte Wasser zu plumpsen. Losgeschwommen wurde erneut auf Kommando und das Ziel war ein gelber Torbogen am Ufer. Kajaks und kleine Boote begleiteten uns, das Mitführen einer Boje war Pflicht. Das war meine Lieblingsstrecke! Ich konnte erneut bei jedem Atemzug den Gletscher sehen, dieses Mal seitlich, weil ich mich fürs Kraulen entschied. Ich fokussierte mich auf den Genuss und merkte gar nicht, dass ich nicht die hinterste Schwimmerin war. Nur Gedanken zum milchigen Wasser (ich mag es, wenn unter mir nichts als blau-grau zu sehen ist), zu den nicht vorhandenen Wasserpflanzen (sehr gut!), dem Gletscher sowie meiner Freude, hier zu sein, fanden in meinem Kopf Platz. Ich fand es einfach nur wunderschön. Fast vier Jahre lang wollte ich hier schwimmen, und nun tat ich es!
Überraschung bei meiner World Cup Premiere
Die Tage vergingen wie im Flug. Nur die Rangverkündigung am letzten Abend dauerte gefühlt eine halbe Ewigkeit. Aber ich möchte mich nicht beklagen, war es doch der Moment, bei dem alle Schwimmerinnen und Schwimmer für ihre tollen Leistungen geehrt wurden, und so applaudierte ich Runde für Runde, wenn die Frauen und Männer nach Kategorien gemeinsam aufs Podest gerufen wurden. Nun hatte auch ich verstanden, dass es tatsächlich ein dritter Platz für mich geworden war über die 200 Meter, und auch über 50 Meter Brustschwimmen schaffte ich es, die Bronzemedaille zu gewinnen. Ich bin noch immer sehr überrascht über meine Leistung und freue mich sehr, dass ich nebst den unzähligen Erinnerungen an die geniale Zeit auch physische Andenken mit nach Hause bringen konnte.
Cooles Festhalten des Winterschwimmerfolgs.
Die letzten Tage am Ende der Welt
Zum Abschluss des WSWC trafen sich die Teilnehmenden sowie die interessierte Bevölkerung von El Calafate zu einem gemeinsamen Schwimmen in der Stadt. Wir feierten, lachten, froren ein letztes Mal und nutzen die herrliche Kulisse für Fotos mit unseren Medaillen. Die Zeit war sehr intensiv, es gäbe noch ganz viel zu erzählen. Auch von den zwei Tagen, die ich im Anschluss in El Chaltén verbracht habe, dem Schwimmen im Lago Viedma, dem Ausflug zum Lago del Desierto und den einsamen Stunden im verschneiten Wanderparadies beim Fitz Roy. Zum Glück steht schon fest, dass die nächste Weltmeisterschaft der IWSA (International Winter Swimming Association) in zwei Jahren auch in El Calafate, respektive beim Perito Moreno Gletscher, stattfindet. Denn eines steht seit meinem allerersten Besuch Patagoniens fest: Ich komme wieder!